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So habe ich gehört:

Zu jener Zeit weilte der Buddha im Anathapindika-Kloster im Jeta-Hain in der Nähe von Savatthi. Damals gab es einen Mönch namens Arittha; vor seiner Ordination war er ein Geier-Abrichter gewesen. Er hegte die falsche Ansicht, dass nach den Lehren des Buddha Sinnesfreuden kein Hindernis für die Praxis seien. Viele Mönche, denen dies zu Ohren kam, suchten daraufhin Arittha auf und fragten ihn:

»Bruder Arittha, glaubst du wirklich, dass der Buddha lehrt, Sinnesfreuden seien kein Hindernis für die Praxis?«

Arittha antwortete: »Ja, Freunde, es ist wahr, ich glaube, dass der Buddha Sinnesfreuden nicht als Hindernis für die Praxis ansieht.«

Die Mönche schalten ihn: »Bruder Arittha, du verfälschst die Lehren des Buddha und verleumdest ihn sogar! Der Herr hat niemals gesagt, Sinnesfreuden seien kein Hindernis für die Praxis. Tatsächlich hat er viele Beispiele benutzt, um zu zeigen, dass Sinnesfreuden ein Hindernis für die Praxis sind. Du solltest deine falsche Ansicht aufgeben!«

anuradha sutta

Und obwohl die Mönche Arittha in dieser Weise gut zuredeten, war er nicht zu bewegen, seine Sicht zu ändern. Dreimal forderten sie ihn auf, seine falsche Ansicht aufzugeben, dreimal aber weigerte er sich und beharrte darauf, dass er Recht habe und die anderen im Unrecht seien.

Daraufhin gingen die Mönche zur Hütte des Buddha, warfen sich zu seinen Füßen nieder, setzten sich sodann an die Seite und sprachen ehrerbietig:

»Du von aller Welt Verehrter, der Mönch Arittha behauptet, gemäß deinen Lehren seien Sinnesfreuden kein Hindernis für die Praxis. Wir haben ihn dreimal aufgefordert, seine falsche Ansicht aufzugeben, doch er hält weiterhin daran fest. Darum sind wir zu dir gekommen, Herr. Was sollen wir tun?«

Als er dies hörte, bat der Buddha einen der Mönche, er möge Arittha auffordern, zu seiner Hütte zu kommen. Der Mönch erhob sich, warf sich nieder, umschritt den Buddha dreimal und ging dann zu Mönch Arittha.

anuradha und die asketen

Als Arittha hörte, dass der Herr ihn zu sehen wünschte, kam er sofort herbei, warf sich vor dem Buddha nieder und setzte sich an die Seite. Der Buddha sagte: »Arittha, ist es wahr, dass du behauptest, ich lehrte, Sinnesfreuden seien kein Hindernis für die Praxis?«

Arittha antwortete: »Ja, Herr. Ich glaube, dass nach dem Geiste deiner Lehren Sinnesfreuden kein Hindernis für die Praxis sind.«

Der Herr mahnte ihn: »Arittha, was kann dich nur zu dieser Ansicht geführt haben? Wann hast du mich jemals lehren hören, dass Sinnesfreuden kein Hindernis für die Praxis seien? Wer hat gesagt, ich lehrte dergleichen?

Arittha, du bist im Unrecht. Deine Dharma Brüder haben dir geraten, deine falsche Ansicht fallenzulassen, und du solltest es wirklich tun!«

Der Buddha fragte nun die anderen Mönche: »Mönche, habt ihr mich jemals lehren hören, dass Sinnesfreuden kein Hindernis für die Praxis seien?«

Die Mönche antworteten: »Nein, Herr, das haben wir nicht.«

Der Buddha fragte nun: »Was habt ihr mich dann lehren hören?«

Die Mönche erwiderten: »Wir haben den Herrn lehren hören, Sinnesfreuden seien ein Hindernis für die Praxis. Herr, du hast gesagt, Sinnesfreuden seien wie ein Skelett, ein Stück rohes Fleisch, eine Strohfackel, eine Grube voll glühender Kohlen, eine giftige Schlange, ein Traum, geliehener Besitz oder ein mit Früchten beladener Baum.«

sinnesbegierden mit fackel und schlange

Der Herr sagte: »Mönche, das ist richtig. Stets habe ich gelehrt, dass Sinnesfreuden die Praxis behindern. Sinnesfreuden sind wie ein Skelett, ein Stück rohes Fleisch, eine Strohfackel, eine Grube voll glühender Kohlen, eine giftige Schlange, ein Traum, geliehener Besitz oder ein mit Früchten beladener Baum.

Mönch Arittha, du hast sowohl den Wortlaut als auch den Geist meiner Lehren falsch verstanden. Du hast meine Lehren als das genaue Gegenteil von dem dargestellt, was ich gemeint habe. Du hast sie verfälscht und mich sogar verleumdet, und gleichzeitig hast du dir und anderen Schaden zugefügt. Das ist ein schwerer Verstoß. Er wird die edlen Lehrer und aufrichtig Übenden sehr traurig stimmen.«

Als Mönch Arittha diesen Tadel des Herrn hörte, beugte er still sein Haupt. Er fühlte sich verletzt und verwirrt, und es fiel ihm nichts ein, was er hätte entgegnen können.

Der Buddha sprach nun, nachdem er Arittha so zurechtgewiesen hatte, zu den Mönchen:

»Ihr Mönche, es ist sehr wichtig, dass ihr meine Lehren vollkommen versteht, bevor ihr sie weitergebt oder in die Praxis umsetzt. Ich bitte euch, wenn ihr die Bedeutung irgendeiner meiner Lehren nicht verstanden habt, dann fragt mich oder einen der älteren Brüder im Dharma oder eine Person, die vorbildlich die Lehren praktiziert.

Einsiedler und Mönche

Immer wird es einige Menschen geben, die den Wortlaut oder den Geist der Lehren nicht verstehen, sie in einer ihrer Intention entgegengesetzten Weise verstehen — ganz gleich, ob die Lehren nun als Verse oder Prosa dargeboten werden, als Vorhersagen, Kurzverse, Belehrungen zum Entstehen in Abhängigkeit, Gleichnisse, spontane Äußerungen, Aussprüche, Geschichten über frühere Geburten und über wundersame Ereignisse, ausführliche Erläuterungen oder Erklärungen durch Begriffsbestimmungen.

Es gibt immer Menschen, die die Lehren nur studieren, um ihre Neugierde zu befriedigen oder um in Streitgesprächen zu gewinnen und nicht um ihrer Befreiung willen. Bei solchen Beweggründen entgeht ihnen allerdings der wahre Geist der Lehren. Vielleicht erleiden sie große Not, müssen unnötig Schwierigkeiten auf sich nehmen und vergeuden am Ende nur ihre Kräfte.

Mönche, jemand, der die Lehren auf diese Weise studiert, kann mit einem Mann verglichen werden, der versucht, in der Wildnis eine giftige Schlange zu fangen. Streckt er nur einfach seine Hand aus, beißt ihn die Schlange vielleicht in die Hand, das Bein oder einen anderen Körperteil. Auf diese Weise eine Schlange fangen zu wollen, bringt nichts außer Leiden ein.

mann studiert das dharma und wird von schlange gebissen

Ihr Mönche, genau so ist es, wenn man meine Lehren falsch versteht. Wenn ihr das Dharma nicht richtig praktiziert, dann versteht ihr vielleicht genau das Gegenteil von dem, was ich gemeint habe.

Praktiziert ihr aber auf intelligente Weise, dann versteht ihr Wortlaut und Geist der Lehren, und ihr seid in der Lage, sie richtig zu erklären. Übt nicht, um lediglich zu prahlen oder um euch mit anderen zu streiten. Übt, um Befreiung zu erlangen, dann werdet ihr kaum Schmerzen oder Erschöpfung erleben.

Mönche, jemand, der das Dharma intelligent studiert, ist wie ein Mann, der einen gegabelten Stock benutzt, um eine Schlange zu fangen. Trifft er in der Wildnis auf eine giftige Schlange, so drückt er die Schlange mit dem Gabelstock unterhalb des Kopfes zu Boden und packt sie dann mit der Hand am Nacken.

mann fängt schlange mit gabelstock

Selbst wenn die Schlange sich um seine Hand, sein Bein oder einen anderen Körperteil windet – sie kann ihn nicht beißen. Das ist der bessere Weg, eine Schlange zu fangen, einer der nicht zu Schmerzen oder Erschöpfung führt.

Ihr Mönche, ein Sohn oder eine Tochter aus gutem Hause, der oder die das Dharma studiert, muss alle Fähigkeiten darauf verwenden, den Wortlaut und den Geist der Lehren zu verstehen. Er oder sie darf nicht mit dem Ziel lernen, zu prahlen, zu debattieren oder zu streiten, sondern nur mit der Absicht, Befreiung zu erlangen. Wird in dieser Weise studiert, mit Intelligenz und Geschick, dann wird es kaum Schmerzen oder Erschöpfung geben.

Ihr Mönche, ich habe euch schon oft erklärt, wie wichtig es ist, zu wissen, wann die rechte Zeit gekommen ist, ein Floß loszulassen, sich nicht länger unnötig daran festzuhalten.

Wenn ein Gebirgsbach über die Ufer tritt und zu einem reißenden Strom wird, der Schutt und Geröll mit sich führt, so wird ein Mann oder eine Frau, der oder die dort hinübergelangen will, überlegen:

»Wie kann ich dieses Hochwasser am sichersten überqueren? Nachdem sie die Situation eingeschätzt hat, wird die Frau vielleicht Äste und Gras sammeln, ein Floß daraus bauen und so auf die andere Seite gelangen.

frau überquert einen fluss mit einem floß

Am anderen Ufer angekommen, denkt sie:

»Ich habe viel Zeit und Energie darauf verwendet, dieses Floß zu bauen. Es ist ein wertvoller Besitz, darum will ich es auf meiner weiteren Reise mitnehmen.« Ihr Mönche, findet ihr es klug, wenn sie das Floß auf Kopf oder Schultern an Land mit sich tragen würde?«

Die Mönche antworteten: »Nein, du von aller Welt Verehrter.« Der Buddha fuhr fort: »Wie könnte sie nun weiser handeln? Sie könnte denken: »Dieses Floß hat mir geholfen, das Wasser sicher zu überqueren. Nun lasse ich es am Ufer zurück, damit ein anderer es gleichfalls nutzen kann.« Wäre dies nicht weitaus klüger?«

Die Mönche erwiderten: »Ja, du von aller Welt Verehrter.«

Der Buddha sagte: »Ich habe über das Gleichnis vom Floß schon so oft gesprochen, um euch daran zu erinnern, wie notwendig es ist, alle wahren Lehren loszulassen und erst recht die Lehren, die nicht wahr sind.«

Buddha auf einer weißen Wolke

»Ihr Mönche, es gibt sechs Grundlagen für unsere Ansichten. Das bedeutet, dass es sechs Bereiche von falschen Auffassungen gibt; diese müssen wir aufgeben. Welches sind diese sechs?

Erstens ist da der Körper. Ob er der Vergangenheit, Zukunft oder Gegenwart angehört, ob es unser Körper oder der eines anderen Wesens ist, ob er fein oder grob, hässlich oder schön, nah oder fern ist; der Körper gehört mir nicht, das bin ich nicht, er ist nicht das Selbst. Ihr Mönche, bitte betrachtet dies ganz genau, damit ihr die Wahrheit über den Körper erkennen könnt.

Zweitens gibt es die Empfindungen.

Drittens sind da die Wahrnehmungen.

Viertens gibt es die geistigen Gebilde. Ob diese Phänomene nun der Vergangenheit, Zukunft oder Gegenwart angehören, ob sie »unser oder die anderer Wesen sind, ob sie fein oder grob, hässlich oder schön, nah oder fern sind: Solche Phänomene gehören mir nicht, das bin ich nicht, sie sind nicht das Selbst.

Fünftens gibt es das Bewusstsein. Was immer wir sehen, hören, wahrnehmen, wissen, geistig erfassen, beobachten oder denken, gegenwärtig oder zu einer anderen Zeit: Das gehört uns nicht, das sind wir nicht, es ist nicht das Selbst.

Sechstens ist da die Welt. Manche Menschen meinen:

‚Die Welt ist das Selbst. Das Selbst ist die Welt. Die Welt, das bin ich. Ich werde unverändert weiterbestehen, auch nach meinem Tode. Ich bin ewig. Ich werde niemals verschwinden.« Bitte meditiert, damit ihr erkennt:

Die Welt ist nicht mein, ich bin nicht die Welt, die Welt ist nicht das Selbst. Betrachtet dies ganz genau, damit ihr die Wahrheit über die Welt erkennen könnt.«

Mensch studiert in Achtsamkeit und Harmonie

Bei diesen Worten erhob sich ein Mönch, entblößte seine rechte Schulter, legte seine Handflächen ehrerbietig zusammen und fragte den Buddha:

»Von-der-Welt-Verehrter, können Angst und Besorgnis aus einem inneren Grund entstehen

Der Buddha antwortete: »Ja, Angst und Besorgnis können aus einem inneren Grund entstehen. Wenn du denkst: »Dinge, die in der Vergangenheit nicht existierten, sind auf einmal entstanden, doch nun gibt es sie nicht mehr«, dann fühlst du dich traurig oder bist verwirrt und verzweifelt. So können Angst und Besorgnis aus einem inneren Grund entstehen.«

Der Mönch fragte weiter: »Von-der-Welt-Verehrter, kann das Entstehen von Angst und Besorgnis aus einem inneren Grund auch vermieden werden?«

Der Buddha antwortete: »Das Entstehen von Angst und Besorgnis aus einem inneren Grund kann vermieden werden. Wenn du nicht denkst: »Dinge, die in der Vergangenheit nicht existierten, sind auf einmal entstanden, doch nun gibt es sie nicht mehr«, dann fühlst du dich nicht traurig oder bist verwirrt und verzweifelt. So kann das Entstehen von Angst und Besorgnis aus einem inneren Grund vermieden werden.«

»Von-der-Welt-Verehrter, können Angst und Besorgnis auch aus einem äußeren Grund entstehen

Der Buddha lehrte: »Angst und Besorgnis können auch aus einem äußeren Grund entstehen. Du denkst vielleicht: »Das ist das Selbst. Dies ist die Welt. Das bin ich. Ich werde immer sein. Dann triffst du den Buddha oder einen Schüler, eine Schülerin des Buddha, der oder die das Verständnis und die Intelligenz besitzt, dich zu lehren, wie du alle Sichtweisen der Anhaftung an den Körper, das Selbst und die Objekte des Selbst loslassen und damit Stolz, innere Fesseln und das unnötige Verströmen der Lebensenergie aufgeben kannst.

Und du denkst nun; »Das ist das Ende der Welt. Ich muss alles aufgeben. Ich bin nicht die Welt. Ich bin nicht ich. Ich bin nicht das Selbst. Ich werde nicht immer sein. Wenn ich sterbe, werde ich vollkommen ausgelöscht sein. Es gibt nichts, worauf ich mich freuen, worüber ich froh sein, woran ich mich erinnern könnte. Und nun fühlst du dich traurig und bist verwirrt und verzweifelt. So können Angst und Besorgnis aus einem äußeren Grund entstehen.«

»Von-der-Welt-Verehrter, kann das Entstehen von Angst und Besorgnis aus einem äußeren Grund auch vermieden werden?«

Der Buddha lehrte: »Ja, das Entstehen von Angst und Besorgnis aus einem äußeren Grund kann vermieden werden, wenn du nicht denkst: »Das ist das Selbst. Dies ist die Welt. Das bin ich. Ich werde immer sein.«

Triffst du den Buddha oder eine Schülerin, einen Schüler des Buddha, die oder der das Verständnis und die Intelligenz besitzt, dich zu lehren, wie du alle Sichtweisen der Anhaftung an den Körper, das Selbst und die Objekte des Selbst loslassen und damit Stolz, innere Fesseln und das unnötige Verströmen der Lebensenergie aufgeben kannst, so denkst du daraufhin nicht: »Das ist das Ende der Welt. Ich muss alles aufgeben. Ich bin nicht die Welt. Ich bin nicht ich. Ich bin nicht das Selbst. Ich werde nicht immer sein. Wenn ich sterbe, werde ich vollkommen ausgelöscht sein. Es gibt nichts, worauf ich mich freuen, worüber ich froh sein, woran ich mich erinnern könnte. Dann fühlst du dich nicht traurig, noch bist du verwirrt und verzweifelt. So kann das Entstehen von Angst und Besorgnis aus einem äußeren Grund vermieden werden.«

Nach diesen Worten pries der Mönch den Buddha und dankte ihm. Er nahm diese Lehre vollkommen an und verharrte darauf in Stille.

Mensch meditiert im Wald

Der Buddha fragte: »Ihr Mönche, glaubt ihr, dass die Fünf Skandhas und das Selbst dauerhaft, unveränderlich und nicht der Zerstörung unterworfen sind?«

»Nein, verehrter Lehrer.«

»Gibt es irgendetwas, woran ihr anhaften könnt, das nicht Sorge, Erschöpfung, Kummer, Leid und Verzweiflung verursacht?«

»Nein, verehrter Lehrer.«

»Kann man denn zu irgendeiner Sichtweise von ›Selbst‹ Zuflucht nehmen, die nicht Sorge, Erschöpfung, Kummer, Leid und Verzweiflung verursacht?«

»Nein, verehrter Lehrer.«

»Mönche, ihr habt ganz Recht! Zu jeder Vorstellung von einem Selbst gehört auch immer eine Vorstellung davon, was zu diesem Selbst gehört. Ohne eine Vorstellung von einem Selbst gibt es auch keine davon, was zu diesem Selbst gehört. Ein Selbst und das, was zu ihm gehört — diese beiden Sichtweisen sind in dem Versuch begründet, nach Dingen zu greifen, die nicht ergriffen werden können, und Dinge zu verankern, die nicht zu verankern sind.

Solche falschen Auffassungen binden uns; innere Fesseln entstehen genau dann, wenn wir uns in Vorstellungen verfangen, die weder ergriffen noch verankert werden können, da sie in der Wirklichkeit jeder Grundlage entbehren. Erkennt ihr, dass dies falsche Auffassungen sind? Seht ihr im Fall von Mönch Arittha die Folgen solcher falschen Auffassungen?«

Die Mönche antworteten: »Ja, verehrter Lehrer. Das sind falsche Auffassungen, und deren Folgen kann man im Fall von Mönch Arittha erkennen.«

stupa der achtsamkeit mit vier türmen

Der Buddha fuhr fort: »Denkt ein Mönch über die sechs Grundlagen für falsche Ansichten nach und es entsteht in ihm nicht mehr die Vorstellung von ich oder mein, so ist er nicht mehr an dieses Leben gekettet. Da er nicht länger an dieses Leben gekettet ist, hat er keine Angst. Ohne Angst zu sein, bedeutet, Nirvana zu erreichen.

Solch einen Menschen beunruhigen Leben und Tod nicht mehr; das heilige Leben ist gelebt worden; was getan werden musste, ist getan; keine künftigen Geburten oder Tode wird es mehr geben. Dieser Mensch kennt nun die Wahrheit der Dinge, so wie sie sind.

Ein solcher Mönch hat den Burggraben aufgefüllt, ihn überquert, die feindliche Zitadelle zerstört und die Tür aufgebrochen – er blickt nun direkt in den Spiegel des höchsten Verstehens hinein.

Was bedeutet »den Burggraben auffüllen«? Es bedeutet, das Wesen der Unwissenheit zu erkennen und klar zu verstehen. Unwissenheit ist mit Stumpf und Stiel ausgerottet — nie mehr kann sie neu erwachsen.

Was bedeutet »den Burggraben überqueren? Es bedeutet, das Wesen von Werden und Verlangen zu erkennen und klar zu verstehen. Werden und Verlangen sind entwurzelt und vernichtet — nie mehr können sie neu erwachsen.

Was bedeutet die feindliche Zitadelle zerstören«? Es bedeutet, das Wesen des Kreislaufs von Geburt und Tod zu erkennen und klar zu verstehen. Der Kreislauf von Geburt und Tod ist bis in den Grund zerstört und zertrümmert — nie mehr kann er von Neuem entstehen.

Was bedeutet »die Tür aufbrechen«? Es bedeutet, das Wesen der fünf niederen inneren Fesseln zu erkennen und klar zu verstehen. Die fünf niederen inneren Fesseln sind herausgerissen und vernichtet – sie können nicht wieder entstehen.

Was bedeutet »direkt in den Spiegel des höchsten Verstehens blicken«? Es bedeutet, das Wesen des Stolzes zu erkennen und klar zu verstehen. Der Stolz ist ausgelöscht und vernichtet — niemals mehr kann er entstehen.

in den spiegel des verstehens blicken

Ihr Mönche, das ist der Weg des Tathagata, der Weg all derer, die Befreiung erlangt haben. Indra, Prajapati, Brahma und auch die anderen Götter in ihrem Gefolge können, wie genau sie auch hinschauen mögen, keinerlei Spur oder Grundlage für das Bewusstsein eines Tathagata finden.

Tathagata ist eine edle Quelle der Frische und Kühle. Es gibt keine große Hitze und keinen Kummer in diesem Zustand. Wenn Einsiedler und Brahmanen mich hören, werden sie mich vielleicht verleumden und behaupten, ich spreche nicht die Wahrheit; sie könnten sagen, der Mönch Gautama vertrete eine Theorie des Nihilismus und lehre absolute Nicht-Existenz, wo doch Lebewesen in Wirklichkeit existierten. Ihr Mönche, der Tathagata hat niemals das gelehrt, was sie behaupten.

In Wahrheit lehrt der Tathagata nur, wie das Leiden beendet und damit ein Zustand der Nicht-Angst erreicht werden kann. Wird der Tathagata beschuldigt, kritisiert, verleumdet oder abgelehnt, so berührt ihn das nicht. Er wird nicht ärgerlich, geht hasserfüllt fort oder rächt sich in irgendeiner Form.

Wie reagiert nun der Tathagata, wenn jemand ihm huldigt, ihn hochschätzt und verehrt? Der Tathagata denkt: »Respektiert und ehrt jemand den Tathagata oder bringt ihm Opfergaben, so empfindet der Tathagata deswegen keine besondere Freude. Er denkt lediglich, dass jemand so handelt, weil der Tathagata die Frucht des Erwachens und der Umwandlung erlangt hat.«

Mönch übt Gehmeditation an einem Fluss

Ihr Mönche, ob euch nun andere Menschen beschuldigen, kritisieren, verleumden oder ablehnen oder ob sie euch respektieren, ehren und euch Opfergaben darreichen — in keinem Fall gibt es Grund, darüber wütend oder erfreut zu sein oder sich zu rächen. Warum?

Wenn ihr genau hinschaut, erkennt ihr, dass es kein ich und kein mein gibt. Spazierte jemand auf diesem Klostergelände umher und sammelte tote Äste und trockenes Gras, um es mit nach Hause zu nehmen, zu verbrennen oder anderweitig zu nutzen, sollten wir da denken, dass wir es sind, die nach Hause mitgenommen, die verbrannt oder anderweitig verwendet werden?«

»Nein, verehrter Lehrer.«

»So ist es auch, wenn uns jemand preist, ehrt und beschenkt oder aber uns beschuldigt, kritisiert und verleumdet. Wir sollten uns weder darüber freuen, noch ärgerlich werden. Warum? Weil es so etwas wie ich oder mein nicht gibt.

 

Die wahren Lehren sind erhellt und den Menschen und Götterwelten zugänglich gemacht worden, ohne dass etwas fehlte. Durchdringt jemand mit rechtem Verstehen diese Lehren, so wird das von unermesslichem Wert sein.

Buddha belehrt Mönch und Einsiedler

Gelang es einer Person noch vor dem Scheiden aus diesem Leben, die fünf niederen inneren Fesseln vollkommen umzuwandeln, so wird sie im nächsten Leben in einer höheren Welt sicher Nirvana erreichen. Sie hat den Zustand der Nie-Wiederkehr erreicht und wird nicht mehr in den Kreislauf von Geburt und Tod zurückkehren.

War eine Person noch vor dem Scheiden aus diesem Leben imstande, die drei niederen inneren Fesseln umzuwandeln und Gier, Hass und Verblendung weitgehend zu überwinden, so wird sie nur noch einmal in die Götter und Menschenwelt zurückkehren, um endgültige Befreiung zu finden.

War eine Person noch vor dem Scheiden aus diesem Leben fähig, die Frucht des Stromeintritts zu erlangen, so wird sie nicht erneut großes Leid auf sich nehmen müssen und wird gewiss den Weg des rechten Erwachens beschreiten. Noch siebenmal in die Götter und Menschenwelt hineingeboren, wird sie schließlich den Ort der Befreiung erreichen.

Vertraut eine Person vor dem Scheiden aus diesem Leben darauf, die Lehren zu verstehen, so wird sie in einer gesegneten Welt wiedergeboren und dort auf dem Weg zum höchsten Erwachen voranschreiten.«

Nach diesen Worten des Buddha machten sich die Mönche voller Freude daran, die Lehren in die Praxis umzusetzen.

Arittha Sutra, Madhyama Agama 200,
Alagaddupama Sutta, Majjhima Nikaya 22


Weitere Übersetzungen ins Deutsche und andere Sprachen sowie Hinweise auf parallele Textstellen finden Sie hier bei www.suttacentral.net.


Zum Weiterlesen:

Sutra über die Liebende Güte (Metta)

Sutra über die vier Verankerungen der Achtsamkeit

Sutra über das bewusste Ein- und Ausatmen

Sutra über das große Glück

Sutra über das Fleisch des Sohnes

Sutra über das Zufluchtnehmen in sich selbst


Quellen

Die obige, deutsche Übersetzung nach Zen Meister Thich Nhat Hanh wurde veröffentlicht im Buch: »Der Buddha sagt«.


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